Der Augenblich dazwischen
Der Augenblick dazwischen
Christine Gallmetzer im Gespräch mit Prof. Dr. Bernhard Maaz
Forum Würth Rorschach, 8. Oktober 2026
Ein Gespräch über Zeit, Schwebe und Übergang, über die Möglichkeiten der Malerei und die Offenheit des Ungewissen.
Der Sprung ins Ungewisse
BM: Beginnen wir mit deiner Turmspringerin von 2020, die sich heute in der Sammlung Würth befindet. Wie viel Sport, wie viel Körperideal und wie viel existenzielle Erfahrung steckt in diesem Bild?
CG: Die ursprüngliche Idee war keineswegs eine sportliche. Es geht mir um eine menschliche Befindlichkeit, die uns alle betrifft. Wir springen jeden Tag aufs Neue, wagen etwas, gehen in eine ungewisse Zukunft. Dieser Zustand des Dazwischen, das Transitorische, ist für mich eine Lebensmetapher. Man ist bereits abgesprungen, weiß aber noch nicht, wo und wie man landen wird. Es ist diese Balance zwischen Zuversicht und Wagnis.
BM: Könnte man sagen, die Formel des Bildes lautet: Ungewissheit bei gleichzeitiger Eleganz? Eine gute Figur machen, auch wenn nicht klar ist, wo man ankommt?
CG: Wobei es mir weniger um Eleganz als um ein Schönheitsprinzip geht, das durchaus ambivalent ist. Die Kunst darf sich die Freiheit nehmen, aus der Zeit auszusteigen, den Augenblick zu genießen. Wie bei einem Filmstill wissen wir, dass etwas vorausgegangen ist und etwas folgen wird. Doch das Bild hält nur diesen einen Augenblick fest.
Zeit und Innehalten
BM: Dieser vermeintliche Stillstand ist eigentlich kein Stillstand. Musikalisch gesprochen könnte man ihn als Fermate verstehen: ein Innehalten vor dem nächsten Ton.
CG: Genau diese Pausen interessieren mich. Wir kennen sie aus unserem Körper: Zwischen Einatmen und Ausatmen liegt ein kurzer Moment. Auch unser Herz folgt einem Rhythmus. Und mit unseren Gedanken verhält es sich ähnlich. Was geschieht in diesen Pausen? Aus meiner Sicht konzentriert sich das Leben in diesem Augenblick. Und das versuche ich in meinen Bildern festzuhalten.
BM: Auch deine Sprungtürme erscheinen als Metaphern des Innehaltens. Es sind keine bloßen Architekturen, sondern Orte der Entscheidung. Was wagen wir als Menschen?
CG: Ein Sprungturm steht für die Möglichkeit einer Entscheidung. Steigen wir hinauf und wagen den Sprung? Das bleibt offen. Mich interessiert gerade diese Verunsicherung. Kunst soll keine eindeutige Botschaft vermitteln. Ich glaube, ein Bild muss nicht vollkommen erklärt werden. Es darf ein Geheimnis behalten.
Farbe, Malerei und Denken
BM: Deine Bilder zeichnen sich durch eine besondere Farbigkeit aus. Welche kunsthistorischen Einflüsse spielen dabei eine Rolle?
CG: Ich bin stark von der italienischen Renaissance geprägt. Besonders Piero della Francesca und Fra Angelico sind für mich bedeutend. Ihre Farbigkeit und die Konzentration ihrer Figuren faszinieren mich. Eines meiner Lieblingsbilder ist Die Taufe Christi von Piero della Francesca in der National Gallery in London. Ich empfinde dieses Werk bis heute als erstaunlich modern.
BM: In deinen Gemälden begegnen uns immer wieder Schichten, Strukturen und Überlagerungen. Sie verdecken etwas und machen zugleich neue Bildräume sichtbar. Welche Bedeutung hat dieser malerische Prozess?
CG: Ich möchte verschiedene räumliche und gedankliche Ebenen entstehen lassen. Der Blick soll nicht sofort alles erfassen können. Man muss gewissermaßen durch das Bild hindurchsehen. Viele meiner Gemälde entstehen über Jahre, werden überarbeitet, übermalt und neu gedacht. Gerade darin liegt für mich eine wesentliche Qualität der Malerei: Sie verlangsamt den Prozess des Denkens.
BM: Durch das Malen verlangsamt und vertieft sich der Prozess des Denkens. Das ist ein wichtiger Gedanke. Die Malerei braucht Zeit. Das Übermalen, Weiterdenken und Weitersuchen ist ein zentraler Bestandteil deiner Arbeit.
Der Himmel und das Verborgene
BM: In The Captured Sky beschäftigst du dich mit dem Himmel, der durch eine Netzstruktur überlagert wird. Welche Vorstellung steht dahinter?
CG: Mich interessiert unsere kulturell geprägte Wahrnehmung des Himmels. Über Jahrhunderte war er ein Ort der Götter und der Transzendenz. Heute ist dieser Himmel weitgehend entmythologisiert. Wir verbinden ihn mit Satelliten, Astronauten, technologischen Entwicklungen und auch militärischen Auseinandersetzungen. Mich beschäftigt die Frage, ob es einen solchen Ort für uns überhaupt noch gibt. Vielleicht müssen wir ihn in uns selbst suchen, in unserer Individualität und Zuversicht.
BM: Damit berührst du ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Transzendenz. Zugleich stellt sich in deinen Bildern immer wieder die Frage nach dem Diesseits und Jenseits, dem Sichtbaren und dem Verborgenen.
CG: Durch die Überlagerungen entstehen mehrere Ebenen. Ein Davor und ein Dahinter. Auf der eigentlich flachen Leinwand öffnen sich Dimensionen, die real gar nicht existieren.
Gondeln und die Schwebe
BM: Deine Gondelbilder führen das Motiv der Schwebe auf andere Weise fort. Anders als bei den Springerinnen gibt es hier immerhin ein tragendes Seil.
CG: Ja, die Gondeln sind für mich eine Fortsetzung der Springerbilder. Das Seil vermittelt eine Art Grundvertrauen, dass etwas hält zwischen zwei Punkten, deren Anfang und Ende wir nicht sehen. Auch hier wissen wir nicht, woher wir kommen und wohin wir gelangen. Der Moment der Schwebe bleibt das Entscheidende.
BM: Das Transitorische verbindet also sehr unterschiedliche Werkgruppen. Auch die Astronautinnen und Astronauten erweitern diesen Gedanken in einen nahezu unbegrenzten Raum.
CG: Die Astronautin ist ebenfalls eine Fortsetzung der Springeridee. Das Unbekannte wird ins Universum ausgedehnt. Die Figur trägt zwar einen Schutzanzug, aber das Ziel ihrer Reise bleibt offen. Mich interessieren immer wieder diese Fragen nach Raum und Zeit, nach Aufbruch und Ankunft, nach dem, was wir wissen, und dem, was wir nur erahnen können.
BM: Damit wird deutlich, wie sehr deine Malerei von einem weiten gedanklichen Horizont getragen wird. Es geht um die Vielschichtigkeit der Bilder und zugleich um die Vielschichtigkeit unserer Erfahrungen. Malen ist Denken.
Redaktionell gekürzte und bearbeitete Fassung des Künstlergesprächs vom 8. Oktober 2026 im Forum Würth Rorschach. Grundlage ist das von Bernhard Maaz überarbeitete Gesprächsmanuskript.